Rempler, Mobber, Steinewerfer. Gewalt an Schulen und Möglichkeiten der Überwindung

Rempler, Mobber, Steinewerfer. Gewalt an Schulen und Möglichkeiten der ÜberwindungRempler, Mobber, Steinewerfer:
Gewalt an Schulen und Möglichkeiten der Überwindung

Thomas Hax – Schoppenhorst: Rempler, Mobber, Steinewerfer. Gewalt an Schulen und Möglichkeiten der Überwindung, 2008 Neukirchener Verlagshaus.

Gewalt an Schulen ist kein Einzelfall mehr. Nicht nur in Problembezirken nehmen Gewalttaten an Schulen zu, auch in anderen Bezirken werden Kinder und Jugendliche aus gutsituierten Familien zu Gewalttätern. Amokläufe an Schulen führen zu neuen Diskussionen in Medien und Politik. Was soll und muss getan werden, um solche Taten zu verhindern? Schärfere Waffengesetze, Verbote von gewaltverherrlichenden Computerspielen oder sind die Medien und ihre Darstellung von Gewalt Schuld an der Verrohung der Jugend?

Thomas Hax – Schoppenhorst geht diesen Fragen in seinem Buch nach. Er versucht erst die Begriffe Gewalt und Agression zu definieren und berücksichtigt dabei physische und psychische Gewalt, aber auch die Gewalt, die Institutionen wie z.B. die Schule ausüben. Dann begibt er sich auf die Suche nach den Ursachen für agressives und gewaltbereites Verhalten. Dabei bemüht er sich sehr gut die Vielschichtigkeit dieser Ursachen darzustellen. Er sucht Erklärungsansätze für solches Verhalten, die Gewalttaten nicht entschuldigen sollen, aber deutlich machen, dass kein Kind oder Jugendlicher grundlos zum Schläger oder Mobber wird. Verschiedene anerkannte Theorien zur Gewaltentstehung werden vorgestellt, leicht verständlich erklärt und mit Fallbeispielen verdeutlicht.
Auch die neuesten Ergebnisse der Hirnforschung bezieht der Autor in seine Ursachenforschung mit ein.

Im Anschluss an diesen Theorieteil betrachtet Hax – Schoppenhorst zwei Arten von schulischer Gewalt genauer zum einen das Mobbing und zum anderen die Amokläufe. Unter Mobbing versteht man regelmäßige psychische Gewalt, die von einem oder mehreren Schülern an einer Einzelperson verübt wird. Diese dauerhaften Quälereien führen zu einer Zerstörung des Selbstwertgefühls und können krank machen und besonders labile Schüler auch in den Selbstmord treiben. In diesem Kapitel gibt es viele Ratschläge für Eltern, Lehrer und die Institution Schule wie man mit Mobbingfällen umgehen sollte, welche Maßnahmen ergriffen werden müssen und in welchen Fällen die Schule dringend Hilfe von Außen benötigt.
Das ausführliche Kapitel zur Prävention stellt Methoden und Modelle vor, mit denen erfolgreich ein gewalttätiges Klima in Schulen und Klassenzimmern bekämpft werden kann. Der wichtigste Hinweis ist dabei hinzuschauen und die Augen nicht zu verschließen. Das letzte Kapitel beschäftigt sich mit dem Burnout Syndrom bei Lehrern, die immer öfter überfordert sind, die Lage in ihren Klassenzimmern nicht in den Griff bekommen und daran zerbrechen.

Thomas Hax – Schoppenhorst liefert ein umfassendes Bild der Ursachen für Gewalt und versucht Erklärungsansätze zu finden, ohne die man Gewalt nicht verhindern kann. Mit anschaulichen Praxisbeispielen verdeutlicht er seine Darstellungen und liefert damit Möglichkeiten zur Überwindung gewaltbereiten Handelns.

# Broschiert: 143 Seiten
# Verlag: Neukirchener (14. März 2008)
# Sprache: Deutsch
# ISBN-10: 3797501293
# ISBN-13: 978-3797501295

Aggressionstheorien

Aggressionstheorien

Vier Differenzierungen haben sich bezüglich der Erscheinungsformen von Aggression herausgebildet: Ärger-Aggression und instrumentelle Aggression, direkte und indirekte Aggression, individuelle und kollektive Aggression und Auto-Aggression. Auf sie wird in den folgenden vier Kapiteln eingegangen.

Ärger-Aggression und instrumentelle Aggression

Ärger-Aggression ist eine expressive und reaktive Aggressionsform, die in gerichteter und ungerichteter Form auftreten kann. In gerichteter Form stellt sie eine Vergeltungshandlung gegen einen Provokateur dar und erreicht ihre Befriedigung durch dessen Schädigung. In ungerichteter Form richtet sie sich nicht gegen den Provokateur, sondern äußert sich in allgemeinen Aggressionshandlungen wie beispielsweise Fluchen. Dabei ist die Anwesenheit einer anderen Person nicht zwingend, sondern die Aggression kann sich als reiner Selbstzweck äußern (Fluchen wenn bzw. obwohl man allein ist, etwas sucht und nicht findet).
Instrumentelle Aggression wird als operant bezeichnet, d.h., die Handlung wird von ihren Konsequenzen bestimmt. Mögliche Ziele sind die Durchsetzung des eigenen Willens, Beachtung oder die Abwehr von Angriffen oder Zwang. Das Ziel der Aggression ist weder der Ausdruck von Aggression noch jemandem zu schaden. Es besteht nur darin, etwas Bestimmtes zu erreichen.
Viele Aggressionsformen beinhalten sowohl Aspekte von Ärger- als auch instrumenteller Aggression. Sie sind daher nicht eindeutig voneinander zu trennen, wie folgende Begebenheit aus dem Kindertagesheim veranschaulicht:
Hasan* will an der Playstation spielen, die gerade von den Mädchen besetzt ist. Er versucht zuerst, einer der Spielenden die Bedienung wegzunehmen und dann das Gerät auszuschalten (instrumentelle Aggression). Daraufhin gehe ich auf ihn zu und sage ihm, dass Mittwoch immer der Tag ist, an dem nur die Mädchen an der Playstation spielen dürfen und er bis morgen warten muss (Frustration). Durch seine Frustration und den bleibenden Willen, doch noch spielen zu dürfen, wird er laut, wirft Schulsachen und Spielzeug vom nächsten Tisch und bedroht und beschimpft mich lautstark (gegen mich gerichtete Ärger-Aggression, bedingt durch die Frustration nicht spielen zu dürfen, und instrumentelle Aggression, mit dem Ziel durch ein erhofftes Nachgeben meinerseits doch noch spielen zu dürfen).

Direkte und indirekte Aggression

Aggressionen können sich direkt oder indirekt gegen Personen oder Sachen richten. Während die direkte Form von Aggression offensichtlich ist, werden die indirekten Aggressionen entweder versteckt gegen die Zielperson gerichtet oder auf ein Ersatzobjekt verschoben. Die Fortführung des Beispiels oben verdeutlicht dies:
Nachdem Hasan* die Spielzeuge und Schulsachen heruntergeworfen hatte, bot ich ihm daraufhin an ein Spiel zu spielen, nachdem wir die Sachen wieder aufgesammelt hatten (worunter auch ein Spiel war, was wir beide gerne spielten). Daraufhin sagte er, dass er keine Lust auf das Spiel hat (indirekte Aggression gegen mich) und trat – angeblich aus Versehen – auf einen der Plastik-Spielsteine (Ersatzobjekt). Nachdem ich ihm in den nächsten Raum gefolgt und weiter mit ihm geredet hatte, wollte er dann doch mit mir das Spiel spielen, aber in einem Raum weit entfernt von den Mädchen die Playstation spielten und zuvor alles mitbekommen hatten. Beim Spielen konnte ich erkennen, dass ihm bewusst wurde, wie ärgerlich der kaputte Spielstein letztlich auch für ihn war.

Kollektive Aggression

Kollektive Aggression bedeutet, dass mindestens zwei Personen eine gleich gerichtete (wenn auch nicht zwangsmäßig gleichartige) aggressive Handlung auf eine oder mehrere Personen bzw. Dinge ausüben.
Sie ist nicht als Summe der Aggression von Einzelnen zu verstehen, denn:
1. die Aggressionshandlung eines Täters in einer Gruppe würde außerhalb einer Gruppe häufig ausbleiben und
2. bestimmte Aggressionserscheinungen treten nur in einer Gruppe auf.
Kollektive Aggression gegen Einzelne stellt eher die Ausnahme dar, d.h., sie richtet sich häufiger gegen ein anderes Kollektiv. Die Beteiligten handeln bei kollektiver Aggression als Mitglied der Gruppe und nicht als Person. Das bedeutet, der Konflikt wird zwischen den Gruppen als solchen und nicht zwischen den Einzelpersonen, aus denen die Gruppen bestehen, ausgetragen.
Durch eine Gruppe können Aggressionshemmungen herabgesetzt werden und Aggressionsmotivationen herbeigeführt werden, die der individuellen Aggression fehlen. Beispiele sind die Bestrafung oder Missbilligung, wenn an einer aggressiven Handlung nicht teilgenommen wird, und andererseits Belohnungen für die Teilnahme. Für den Einfluss, den eine Gruppe auf diese Weise haben kann, reicht ein einziger Mittäter häufig schon aus. Dies wurde in verschiedenen Experimenten, wie beispielsweise dem bekannten Experiment von Milgram , gezeigt.

Im Kindertagesheim war vor allem zu beobachten, dass die Gruppe häufig eine aggressive Handlung erst ermöglicht hat. Hasan* sollte an einem Tag beispielsweise nicht in den Raum kommen, wo die Mädchen Playstation spielten. Alleine hätte keines der Mädchen etwas getan, aber an einem Tag, an dem viele Mädchen da waren, haben sie ihn gemeinsam „rausgeschmissen“.

Autoaggression

Diese Form der Aggression ist gegen die eigene Person gerichtet. Sie wird deshalb auch als Selbst-Aggression bezeichnet. Während bei den bisher genannten Fremd-Aggressionen die schädigende Verhaltensweise nach außen projiziert wird, ist die Auto-Aggression gegen die eigene Person gerichtet. Dies hat viele verschiedene Gründe und Auswirkungen. Mögliche, oft auch verbundene Gründe sind:
1. ein Hilferuf an andere,
2. indirekte Anklage von anderen,
3. Aufmerksamkeit auf sich lenken,
4. eine Kompensation von fehlender Liebe und Zuwendung und/oder
5. ein negatives Bild der Umwelt von sich selbst verinnerlicht und übernommen zu haben.

Diese Gründe führen zwar häufig zu Verhaltensweisen, die gegen die Person selbst gerichtet sind, müssen aber als soziale Handlung gesehen werden, da sie sich indirekt an andere Personen richten. Die aus den oben genannten Gründen resultierenden Auswirkungen können sich u.a. wie folgt äußern:
1. Esssucht, Magersucht, Bulimie;
2. Allergien, Neurodermitis, Stottern, Asthma, Nägelkauen, nervöse Ticks;
3. selbst herbeigeführte Verletzungen, z.B. Einritzen der Haut mit Rasierklingen;
4. Depressionen, Schuldgefühle;
5. Schmerzen, z.B. Kopf-, Rücken-, Magenschmerzen;
6. Missbrauch von Sucht- und Rauschmitteln, z.B. Alkohol, Drogen, Zigaretten, Tabletten;
7. Suizid(versuch/e).
Um auf die Bedürfnisse und Probleme von Kindern eingehen zu können, ist das Erkennen dieser autoaggressiven Formen von besonderer Wichtigkeit.
Im Kindertagesheim konnte ich Autoaggression hauptsächlich aus dem Wunsch der Aufmerksamkeit heraus feststellen, wozu häufig Schmerzen als Mittel benutzt wurden. Die Schmerzen waren zum Teil real, häufig aber erfunden oder wurden übertrieben dargestellt.

*Name redaktionell geändert

Gewalt an Schulen

Gewalt an Schulen

Gewalt an der Schule ist nicht dann erst entstanden, sondern wurde erstmals von den Medien in größerem Maße aufgegriffen, häufig mit der Hoffnung auf eine Sensation: „Doch bei aller notwendigen Kritik – wie sie z.B. von Schubarth (1995) an der Berichterstattung geübt wurde – muß man doch festhalten: Die Medien allein können ein solches Thema nicht machen’ […].“
Wie in Kapitel 2.1 festgestellt, ist Aggression ein Wertungsbegriff. Das heißt auch, dass sein Verständnis von der Kultur und der Zeit, in der er gebraucht wird, abhängig ist. Gesellschaftlich anerkannte Erziehungsmaßnahmen der Vergangenheit werden heute vielfach als personale Gewalt oder Aggression interpretiert. In den fünfziger Jahren wurde die körperliche Züchtigung von Jungen als adäquate Erziehungsmethode angesehen, während diese Art der Bestrafung heute strafrechtlich verfolgt wird.
Die bisherigen Erkenntnisse über Gewalt an Schulen werden im Folgenden in drei zentralen Ergebniskomplexen zusammengefasst: Der Häufigkeit von Aggressionserscheinungen an Schulen, den Unterschieden nach Schulform, Alter und Geschlecht und der Beziehung zwischen „Opfer-Sein“ und „Täter-Sein“.

Die verbale Aggression ist in allen Schularten, Altersklassen und sowohl bei Jungen als auch bei Mädchen sehr weit verbreitet. Tillmann benennt als Anteil jener Schüler in Sachsen und Hessen, die diese Form der Aggression mehrmals wöchentlich oder sogar täglich beobachten, 50 Prozent. Wesentlich geringer sind die körperlichen Ausschreitungen, insbesondere solche größeren Ausmaßes. Tillmann bezieht sich unter anderem auf eine Studie von Averbeck u.a. (1996), bei der von 1163 befragten Schülerinnen und Schülern mehr als 96 Prozent noch nie von einem anderen Schüler mit einer Waffe bedroht wurden. Es könne „von einer Veralltäglichung massiver Gewalttaten in unseren Schulen keine Rede sein“ . Dennoch ist auch ein Anteil von weniger als 4 Prozent nicht hinzunehmen, da es sich dabei trotzdem um eine hohe Zahl von Betroffenen handelt. Melzer kommt zu folgendem Ergebnis: „Den harten Kern der Tätergruppen bilden etwa 3-4 Prozent der Schülerinnen und Schüler. Etwa 7-10 Prozent sind Opfer . Das heißt, dass bei ca. 5 Millionen Schülern und Schülerinnen in Deutschland etwa 425.000 unter den Quälereien ihrer Mitschüler und Mitschülerinnen leiden und etwa 175.000 zum Kreis der notorischen Täter zu rechnen sind.