Gewalt an Schulen

Gewalt an Schulen

Gewalt an der Schule ist nicht dann erst entstanden, sondern wurde erstmals von den Medien in größerem Maße aufgegriffen, häufig mit der Hoffnung auf eine Sensation: „Doch bei aller notwendigen Kritik – wie sie z.B. von Schubarth (1995) an der Berichterstattung geübt wurde – muß man doch festhalten: Die Medien allein können ein solches Thema nicht machen’ […].“
Wie in Kapitel 2.1 festgestellt, ist Aggression ein Wertungsbegriff. Das heißt auch, dass sein Verständnis von der Kultur und der Zeit, in der er gebraucht wird, abhängig ist. Gesellschaftlich anerkannte Erziehungsmaßnahmen der Vergangenheit werden heute vielfach als personale Gewalt oder Aggression interpretiert. In den fünfziger Jahren wurde die körperliche Züchtigung von Jungen als adäquate Erziehungsmethode angesehen, während diese Art der Bestrafung heute strafrechtlich verfolgt wird.
Die bisherigen Erkenntnisse über Gewalt an Schulen werden im Folgenden in drei zentralen Ergebniskomplexen zusammengefasst: Der Häufigkeit von Aggressionserscheinungen an Schulen, den Unterschieden nach Schulform, Alter und Geschlecht und der Beziehung zwischen „Opfer-Sein“ und „Täter-Sein“.

Die verbale Aggression ist in allen Schularten, Altersklassen und sowohl bei Jungen als auch bei Mädchen sehr weit verbreitet. Tillmann benennt als Anteil jener Schüler in Sachsen und Hessen, die diese Form der Aggression mehrmals wöchentlich oder sogar täglich beobachten, 50 Prozent. Wesentlich geringer sind die körperlichen Ausschreitungen, insbesondere solche größeren Ausmaßes. Tillmann bezieht sich unter anderem auf eine Studie von Averbeck u.a. (1996), bei der von 1163 befragten Schülerinnen und Schülern mehr als 96 Prozent noch nie von einem anderen Schüler mit einer Waffe bedroht wurden. Es könne „von einer Veralltäglichung massiver Gewalttaten in unseren Schulen keine Rede sein“ . Dennoch ist auch ein Anteil von weniger als 4 Prozent nicht hinzunehmen, da es sich dabei trotzdem um eine hohe Zahl von Betroffenen handelt. Melzer kommt zu folgendem Ergebnis: „Den harten Kern der Tätergruppen bilden etwa 3-4 Prozent der Schülerinnen und Schüler. Etwa 7-10 Prozent sind Opfer . Das heißt, dass bei ca. 5 Millionen Schülern und Schülerinnen in Deutschland etwa 425.000 unter den Quälereien ihrer Mitschüler und Mitschülerinnen leiden und etwa 175.000 zum Kreis der notorischen Täter zu rechnen sind.

Der Aggressionsbegriff

Der Aggressionsbegriff

Aggression leitet sich von dem lateinischen Verb „adgredi“ ab, was die Bedeutung „herangehen“ und „zuwenden“ hat. Der ursprüngliche Begriff bezeichnet somit ein prosoziales Verhalten, während der Begriff heute eine negative Konnotation beinhaltet. Auch in der wissenschaftlichen Aggressionsforschung gibt es keine einheitliche Definition des Begriffs; aus diesem Grund existieren unterschiedliche Definitionen:
Der Brockhaus Multimedial 2003 gibt für Aggression eine allgemeine, eine psychologische und eine völkerrechtliche Definition an. Die allgemeine Definition lautet:
„Unter Aggression versteht man ein Angriffsverhalten (körperlich oder sprachlich) gegenüber Sachen oder Lebewesen. Es gibt verschiedene Erklärungsansätze, warum es zu Aggressionen kommt. So existiert die Theorie, dass Aggression ein angeborener Trieb jedes Menschen ist, jedoch mehr oder weniger stark ausgeprägt sein kann. Andere Theorien gehen davon aus, dass Aggressionen die Folge von negativen Erlebnissen (Frustrationen) sind. Seit langem kursiert zudem die Theorie, dass ein Mensch umso aggressiver werde, je mehr Kontakt er mit anderen aggressiven Personen habe. Jeder lerne anhand von Vorbildern, welche Reaktion in bestimmten Situationen angemessen ist (Lernen am Modell). Auch die Medien würden mit ihren Gewalt verherrlichenden Darstellungen die Aggressionen schüren. Noch ist nicht völlig klar, auf welche Weise Aggressionen am besten abgebaut werden – Gespräche können hilfreich sein.“

Für die Psychologie wird folgende Definition vorgeschlagen:
„Aggression, [lateinisch] die, Psychologie: affektbedingtes Angriffsverhalten, zum Teil (Psychoanalyse, Verhaltensforschung) auf einen angeborenen Aggressionstrieb (Aggressivität), zum Teil auf Versagungen (Frustrationen) oder auch auf milieubedingte Verhaltensprägungen zurückgeführt […]“

Völkerrechtlich wird Aggression dort wie folgt definiert:
„Aggression, ein manifestes Verhalten, dessen Ziel die körperliche oder bloß symbolische Schädigung oder Verletzung einer anderen Person, eines Tiers oder auch einer Sache ist […]“

Unterschiedliche Schwer- und Ansatzpunkte wurden hier aufgrund unterschiedlicher Thesen bezüglich möglicher Gründe von Aggression gewählt, was zu keiner sinnvollen Definition im Rahmen dieser Arbeit führen kann.
Selg hat sich ebenfalls mit der Begriffsdefinition von Aggression auseinander gesetzt. Auch er hat erkannt, dass eine allgemein gültige Definition bislang noch nicht gefunden wurde und schlägt folgende Definition vor:
„Eine Aggression besteht in einem gegen einen Organismus oder ein Organismussurrogat gerichteten Austeilen schädigender Reize (‚schädigen’ meint beschädigen, verletzen, zerstören und vernichten; es impliziert aber auch wie ‚iniuriam facere’ oder ‚to injure’ schmerzzufügende, störende, Ärger erregende und beleidigende Verhaltensweisen, welche der direkten Verhaltensbeobachtung schwerer zugänglich sind); eine Aggression kann offen (körperlich, verbal) oder verdeckt (phantasiert), sie kann positiv (von der Kultur gebilligt) oder negativ (missbilligt) sein.“

Für das Verständnis von Aggression ist wichtig, dass es sich um schädigende Handlungen und Verhaltensweisen handelt, die von einzelnen Personen ausgehen. Maßgeblich ist hierbei zum einen die Schädigungsintention, d.h., Aggression liegt auch dann vor, wenn sich der Schaden nicht einstellt, zum anderen die Schädigungsfolge, d.h., Aggression liegt auch dann vor, wenn eine eingetretene Schädigung nicht beabsichtigt war. Dies kann z.B. bei Fahrlässigkeit oder Unterlassung mit daraus resultierendem Schaden der Fall sein.
Nolting fordert eine klare Trennung zwischen dem Aggressionsbegriff als Sachverhalt und dem Begriff als Wertung. Im Sinne des wissenschaftlichen Verständnisses von Aggression als Sachverhalt ist auch die Selbstverteidigung eine Aggressionsform. Daran wird deutlich, dass aggressive Handlungen nicht in jedem Fall negativ zu bewerten sind: „Ob und wann man eine Handlung, die in diesem Sinne aggressiv ist, für legitim oder illegitim, für konstruktiv oder destruktiv, für angemessen oder unangemessen hält – dies ist eine ganz andere Frage, eine Frage persönlicher oder gesellschaftlicher Anschauungen.“ Aggression ist demnach eine Handlung, die individuell und gesellschaftlich – meist als Normenverstoß – bewertet wird.
Unter Aggressivität versteht man das Potenzial, jemand anderen zu schädigen, ohne dass es unmittelbar zu einer Handlung kommt. Es ist somit eine Eigenschaft, die eine andauernde Bereitschaft zu aggressivem Verhalten bedeutet.

Der Gewaltbegriff

Der Gewaltbegriff

Der Begriff Gewalt stammt von „walten“ und hat somit die ursprünglich neutrale Bedeutung „etwas bewirken zu können“. Im heutigen Sprachgebrauch hingegen hat das Wort eine meist negative Bedeutung. Im Lateinischen wird die negative Form von Gewalt („violentia“) noch von der positiven Gewalt („potestas“) unterschieden, was sich im heutigen Englisch in „violence“ und „power“ wieder findet. Der Brockhaus Multimedial 2003 definiert Gewalt wie folgt:
„Gewalt, die Anwendung von physischem oder psychischem Zwang gegenüber Menschen. Gewalt umfasst 1) die rohe, gegen Sitte und Recht verstoßende Einwirkung auf Personen (lateinisch violentia), 2) das Durchsetzungsvermögen in Macht- und Herrschaftsbeziehungen (lateinisch potestas) […]“

Eine weitere Definition aus dem dtv-Wörterbuch Pädagogik lautet:
„[…] In den Verhaltenswissenschaften wird Gewalt zumeist in Anlehnung an den Aggressionsbegriff definiert, wobei als Besonderheit von Gewalt die Anwendung von Zwang angesehen wird, durch den anderen Menschen vorsätzlich Schaden zugefügt oder Sachen zerstört werden sollen. Gewalt wird darüber hinaus im gesellschaftlichen und politischen Bereich als legitimes Zwangsmittel zur Sicherung von Recht und Ordnung (lat. potestas = Amtsgewalt), aber auch als unrechtmäßiges Mittel zur Durchsetzung von Herrschaft gegen den Willen der Opfer (lat. violentia = Gewalttätigkeit, Unterwerfung, Terror) verstanden. Auf die Vielgestaltigkeit der Gewalt verweisen Attribute wie direkte oder indirekte, offene oder versteckte, personale, institutionelle oder strukturelle Gewalt […]“

Es hat sich kein allgemeines „Gewaltverständnis“ zwischen allen gesellschaftlichen Gruppen und wissenschaftlichen Fachrichtungen entwickelt. Selbst für die Pädagogik gibt es eine solche einheitliche Begriffsdefinition nicht.
Im wissenschaftlichen Sprachgebrauch hat sich als Gewaltbegriff die Bedeutung der „strukturellen Gewalt“ nach Galtung durchgesetzt, die wie folgt definiert ist:
„Gewalt liegt dann vor, wenn Menschen so beeinflußt werden, daß ihre aktuelle somatische und geistige Verwirklichung geringer ist als ihre potenzielle Verwirklichung.“

Gewalt in diesem Verständnis geht also nicht zwingend von einem personalen Subjekt mit einem werkzeughaften Mittel der Gewalt, sondern von einem dauernden Zustand indirekter Gewalt, z.B. in Form von gesellschaftlicher oder institutioneller Ordnungsgewalt aus.
Auch wenn dieser Ansatz des Gewaltverständnisses so weit geht, dass man dadurch fast jeden Zustand als Gewalt interpretieren könnte, ist diese Sichtweise doch von wesentlicher Bedeutung. Es wird dadurch deutlich, dass die Institutionen der Kindertagesheime und der Schule einen Einfluss durch die von ihnen ausgeübte Gewalt haben. Sie setzen die Kinder und Jugendlichen unter verschiedene Zwänge wie z.B. Anwesenheitspflicht und Verhaltensregeln, die als strukturelle Gewalt zu verstehen sind. Weiterhin zeigt die Definition von Galtung auch auf, dass nicht nur Handlungen, sondern auch bestimmte Handlungsunterlassungen als Gewalt zu bezeichnen sind.

Gewaltfreier Umgang mit Konflikten in der Sekundarstufe I. Spiele und Übungen


Gewaltfreier Umgang mit Konflikten in der Sekundarstufe
Praxisbuch – Lernkompetenz: Geschichte, Geografie, Politik, Religion: Gewaltfreier Umgang mit Konflikten in der Sekundarstufe I. Spiele und Übungen. (Lernmaterialien)

Jamie Walker: Gewaltfreier Umgang mit Konflikten in der Sekundarstufe I. Spiele und Übungen, Berlin 1995, Cornelsen Scriptor.

Gewalt und Konfliktsituationen nehmen in Schulen immer mehr zu. Lehrer und Lehrerinnen sind überfordert und überarbeitet, Schüler und Schülerinnen sind frustiert und perspektivlos.
Jamie Walker versucht Hilfestellungen und Lösungsansätze zu bieten, die Lehrern und Schülern helfen sollen, einen gewaltfreien Umgang mit Konflikten zu finden.

Dabei steht im ersten Teil das Erkennen von Konflikten und der richtige Umgang mit ihnen im Vordergrund. Zahlreiche Mediationsansätze geben Lehrern die Möglichkeit ihr eigenes Verhalten zu hinterfragen und gegebenenfalls zu korrigieren. Verschiedene Praxisbeispiele helfen dabei richtiges und falsches Verhalten zu unterscheiden und zu beurteilen.

Der zweite Teil besteht aus Übungen und Spielen für die Klassenstufen 5 bis 10. Ein Großteil dieser Übungen dient dazu ein besseres Klassenklime herzustellen und Gewalt und Konflikten vorzubeugen, Die Schüler werden dazu angeleitet ihre Selbstwahrnehmung und die Wahrnehmung ihrer Mitschüler zu reflektieren. Verschiedene Arten der Kommunikation werden spielerisch erprobt und deren Wirkung bewertet. Der gewaltfreie Umgang miteinander, die Entwicklung von Tolleranz und Akzeptanz stehen dabei im Vordergrund.Besonderer Wert wird in den Übungen und Spielen auf das Erkennen von Gemeinsamkeiten und Unterschieden gelegt, auch geschlechtspezifische Unterschiede werden thematisiert.

Insgesamt bietet das Buch viele ansprechende Übungsmöglichkeiten und ist ein guter Leitfaden, um täglicher Gewalt und Konflikten in der Schule zu begegnen. Schwerpunkt bildet die Prävention von Gewaltsituationen, allerdings werden auch zahlreiche Hinweise zur aktiven Lösung von Konflikten und Gewaltsituationen geboten.