Aggressionstheorien

Aggressionstheorien

Vier Differenzierungen haben sich bezüglich der Erscheinungsformen von Aggression herausgebildet: Ärger-Aggression und instrumentelle Aggression, direkte und indirekte Aggression, individuelle und kollektive Aggression und Auto-Aggression. Auf sie wird in den folgenden vier Kapiteln eingegangen.

Ärger-Aggression und instrumentelle Aggression

Ärger-Aggression ist eine expressive und reaktive Aggressionsform, die in gerichteter und ungerichteter Form auftreten kann. In gerichteter Form stellt sie eine Vergeltungshandlung gegen einen Provokateur dar und erreicht ihre Befriedigung durch dessen Schädigung. In ungerichteter Form richtet sie sich nicht gegen den Provokateur, sondern äußert sich in allgemeinen Aggressionshandlungen wie beispielsweise Fluchen. Dabei ist die Anwesenheit einer anderen Person nicht zwingend, sondern die Aggression kann sich als reiner Selbstzweck äußern (Fluchen wenn bzw. obwohl man allein ist, etwas sucht und nicht findet).
Instrumentelle Aggression wird als operant bezeichnet, d.h., die Handlung wird von ihren Konsequenzen bestimmt. Mögliche Ziele sind die Durchsetzung des eigenen Willens, Beachtung oder die Abwehr von Angriffen oder Zwang. Das Ziel der Aggression ist weder der Ausdruck von Aggression noch jemandem zu schaden. Es besteht nur darin, etwas Bestimmtes zu erreichen.
Viele Aggressionsformen beinhalten sowohl Aspekte von Ärger- als auch instrumenteller Aggression. Sie sind daher nicht eindeutig voneinander zu trennen, wie folgende Begebenheit aus dem Kindertagesheim veranschaulicht:
Hasan* will an der Playstation spielen, die gerade von den Mädchen besetzt ist. Er versucht zuerst, einer der Spielenden die Bedienung wegzunehmen und dann das Gerät auszuschalten (instrumentelle Aggression). Daraufhin gehe ich auf ihn zu und sage ihm, dass Mittwoch immer der Tag ist, an dem nur die Mädchen an der Playstation spielen dürfen und er bis morgen warten muss (Frustration). Durch seine Frustration und den bleibenden Willen, doch noch spielen zu dürfen, wird er laut, wirft Schulsachen und Spielzeug vom nächsten Tisch und bedroht und beschimpft mich lautstark (gegen mich gerichtete Ärger-Aggression, bedingt durch die Frustration nicht spielen zu dürfen, und instrumentelle Aggression, mit dem Ziel durch ein erhofftes Nachgeben meinerseits doch noch spielen zu dürfen).

Direkte und indirekte Aggression

Aggressionen können sich direkt oder indirekt gegen Personen oder Sachen richten. Während die direkte Form von Aggression offensichtlich ist, werden die indirekten Aggressionen entweder versteckt gegen die Zielperson gerichtet oder auf ein Ersatzobjekt verschoben. Die Fortführung des Beispiels oben verdeutlicht dies:
Nachdem Hasan* die Spielzeuge und Schulsachen heruntergeworfen hatte, bot ich ihm daraufhin an ein Spiel zu spielen, nachdem wir die Sachen wieder aufgesammelt hatten (worunter auch ein Spiel war, was wir beide gerne spielten). Daraufhin sagte er, dass er keine Lust auf das Spiel hat (indirekte Aggression gegen mich) und trat – angeblich aus Versehen – auf einen der Plastik-Spielsteine (Ersatzobjekt). Nachdem ich ihm in den nächsten Raum gefolgt und weiter mit ihm geredet hatte, wollte er dann doch mit mir das Spiel spielen, aber in einem Raum weit entfernt von den Mädchen die Playstation spielten und zuvor alles mitbekommen hatten. Beim Spielen konnte ich erkennen, dass ihm bewusst wurde, wie ärgerlich der kaputte Spielstein letztlich auch für ihn war.

Kollektive Aggression

Kollektive Aggression bedeutet, dass mindestens zwei Personen eine gleich gerichtete (wenn auch nicht zwangsmäßig gleichartige) aggressive Handlung auf eine oder mehrere Personen bzw. Dinge ausüben.
Sie ist nicht als Summe der Aggression von Einzelnen zu verstehen, denn:
1. die Aggressionshandlung eines Täters in einer Gruppe würde außerhalb einer Gruppe häufig ausbleiben und
2. bestimmte Aggressionserscheinungen treten nur in einer Gruppe auf.
Kollektive Aggression gegen Einzelne stellt eher die Ausnahme dar, d.h., sie richtet sich häufiger gegen ein anderes Kollektiv. Die Beteiligten handeln bei kollektiver Aggression als Mitglied der Gruppe und nicht als Person. Das bedeutet, der Konflikt wird zwischen den Gruppen als solchen und nicht zwischen den Einzelpersonen, aus denen die Gruppen bestehen, ausgetragen.
Durch eine Gruppe können Aggressionshemmungen herabgesetzt werden und Aggressionsmotivationen herbeigeführt werden, die der individuellen Aggression fehlen. Beispiele sind die Bestrafung oder Missbilligung, wenn an einer aggressiven Handlung nicht teilgenommen wird, und andererseits Belohnungen für die Teilnahme. Für den Einfluss, den eine Gruppe auf diese Weise haben kann, reicht ein einziger Mittäter häufig schon aus. Dies wurde in verschiedenen Experimenten, wie beispielsweise dem bekannten Experiment von Milgram , gezeigt.

Im Kindertagesheim war vor allem zu beobachten, dass die Gruppe häufig eine aggressive Handlung erst ermöglicht hat. Hasan* sollte an einem Tag beispielsweise nicht in den Raum kommen, wo die Mädchen Playstation spielten. Alleine hätte keines der Mädchen etwas getan, aber an einem Tag, an dem viele Mädchen da waren, haben sie ihn gemeinsam „rausgeschmissen“.

Autoaggression

Diese Form der Aggression ist gegen die eigene Person gerichtet. Sie wird deshalb auch als Selbst-Aggression bezeichnet. Während bei den bisher genannten Fremd-Aggressionen die schädigende Verhaltensweise nach außen projiziert wird, ist die Auto-Aggression gegen die eigene Person gerichtet. Dies hat viele verschiedene Gründe und Auswirkungen. Mögliche, oft auch verbundene Gründe sind:
1. ein Hilferuf an andere,
2. indirekte Anklage von anderen,
3. Aufmerksamkeit auf sich lenken,
4. eine Kompensation von fehlender Liebe und Zuwendung und/oder
5. ein negatives Bild der Umwelt von sich selbst verinnerlicht und übernommen zu haben.

Diese Gründe führen zwar häufig zu Verhaltensweisen, die gegen die Person selbst gerichtet sind, müssen aber als soziale Handlung gesehen werden, da sie sich indirekt an andere Personen richten. Die aus den oben genannten Gründen resultierenden Auswirkungen können sich u.a. wie folgt äußern:
1. Esssucht, Magersucht, Bulimie;
2. Allergien, Neurodermitis, Stottern, Asthma, Nägelkauen, nervöse Ticks;
3. selbst herbeigeführte Verletzungen, z.B. Einritzen der Haut mit Rasierklingen;
4. Depressionen, Schuldgefühle;
5. Schmerzen, z.B. Kopf-, Rücken-, Magenschmerzen;
6. Missbrauch von Sucht- und Rauschmitteln, z.B. Alkohol, Drogen, Zigaretten, Tabletten;
7. Suizid(versuch/e).
Um auf die Bedürfnisse und Probleme von Kindern eingehen zu können, ist das Erkennen dieser autoaggressiven Formen von besonderer Wichtigkeit.
Im Kindertagesheim konnte ich Autoaggression hauptsächlich aus dem Wunsch der Aufmerksamkeit heraus feststellen, wozu häufig Schmerzen als Mittel benutzt wurden. Die Schmerzen waren zum Teil real, häufig aber erfunden oder wurden übertrieben dargestellt.

*Name redaktionell geändert

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2 Kommentare zu Aggressionstheorien

  1. Vaida sagt:

    Wo zu zählt es, wenn man sich sehr stark ärgert, wenn etwas nicht gleich so funktioniert, wie man es sich vorgestellt hat? Wenn man z.B. mal etwas vergessen hat oder etwas nicht gleich funktioniert und man danach so wütend ist, das man rum schreit oder mit Gegenständen wirft, wo zu zählt dieses aggressive Verhalten?

  2. renekarberg sagt:

    Dann kann das ein Regulationssörung der Affekte sein, ein Aspergersyndrom z.B. kann das auch (ASS) oder mit ADHS zusammenhängen. Sicherlich ist eine willentliche Beeinflussung nicht ohne weiteres möglich, da der dafür zuständige Hirnbereich gar nicht in die Wirkungskette einbezogen werden kann. Das kann entweder in den ersten Lebensjahren gelernt werden (den Willen der „Eltern“ integrieren und als innere Stimme ver“innerlichen“) oder als nicht überwundenes Trotzverhalten (wenn Trotz genetisch angelegt ist, um den eigenen Willen herauszubilden) erhalten bleiben, wenn der Trotz keine soziale Einbettung erfährt.

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